Was 40 Joghurtbecher über dein Buchcover wissen
Der 3-Sekunden-Test
Dein Cover hat auf Amazon ungefähr so viel Aufmerksamkeit wie ein Joghurtbecher im Kühlregal.
Bevor wir über dein Cover reden, würde ich gern kurz mit dir einkaufen gehen.
Stell dir vor, du stehst vor dem Kühlregal, du willst eigentlich nur schnell einen Joghurt mitnehmen, und vor dir stapeln sich vierzig Becher in vierzig Farben. Was passiert jetzt? Du liest natürlich nicht vierzig Etiketten. Genau genommen liest du kein einziges. Dein Blick rutscht einmal über die Reihe, irgendwas bleibt hängen — eine Farbe, ein großes Wort, ein Becher, den du von irgendwoher kennst und deine Hand greift schon zu, lange bevor dein Kopf mitbekommen hat, dass hier gerade überhaupt eine Entscheidung gefallen ist. Falls dich später jemand fragt, warum es ausgerechnet dieser geworden ist, fällt dir bestimmt eine gute Begründung ein. Aber die ist nur die Geschichte, die du dir hinterher erzählst, und nicht der Grund.
Und jetzt schau dir dieses Regal mal genauer an, denn das ist kein Zufall, was da wo steht. Auf Augenhöhe, direkt vor deiner Nase, steht das, was verkauft werden soll, und darum wird an dieser Stelle im Supermarkt richtig hart gekämpft. Ganz unten, wo du in die Knie gehen müsstest, steht der Rest — und mal ehrlich, wann bist du das letzte Mal vor dem Kühlregal in die Hocke gegangen, um zu schauen, was da unten so Schönes wartet? Eben. Du nimmst, was auf Augenhöhe steht, nicht weil es das beste ist, sondern weil es da ist, wo du sowieso schon hinschaust.
Bei Amazon ist die Augenhöhe die erste Seite. Da liegt alles, was gesehen wird, und wer dort steht, wird gekauft — nicht unbedingt, weil er der Beste ist, sondern weil er da steht, wo alle sowieso schon hinschauen. Die zweite Seite ist schon die unterste Reihe im Regal, und ab der dritten wird es dann richtig einsam, denn da geht kaum noch jemand in die Hocke.
Genau so, mit genau diesem halben Blick, steht dein Buch dort im Regal.
Der Mensch, der da vorbeiscrollt, hat nichts gegen dich, er ist nicht faul, und er nimmt sich keine Zeit für dein Buch — schlicht deshalb, weil er sich für kein einziges Buch Zeit nimmt. Er sieht ein Bild in der Größe eines Daumennagels, zwischen lauter anderen Daumennägeln, abends auf dem Sofa, mit einem halben Auge und dem Fernseher im Hintergrund, und dann scrollt er weiter oder eben nicht.
Du dagegen hast dein Cover monatelang angeschaut, in voller Größe, auf einem großen Bildschirm, du hast die Schrift dreimal getauscht und die Farbe viermal, und irgendwann war dieser Moment da, an dem es endlich saß. Nur liest du dein Cover längst nicht mehr, du erkennst es bloß noch wieder — und Wiedererkennen fühlt sich im Kopf haargenau so an wie Verstehen, das ist der wirklich fiese Teil daran. Du kannst gar nicht mehr sehen, was da tatsächlich steht, weil dein Auge den Rest ganz von allein ergänzt, und das ist keine Schwäche, sondern passiert jedem, der lange genug an einer Sache sitzt.
Und weil wir das ahnen, fragen wir dann die Falschen. Wir halten es der Schwester hin, der besten Freundin, dem Mann, und die schauen kurz drauf und sagen „schön!“, weil sie uns lieb haben und weil sie gar nicht unser Cover bewerten, sondern uns. Damit ist die Sache für uns erledigt, wir sind beruhigt, das Cover geht raus — und angesehen hat es vorher kein einziger fremder Mensch.
Ein großes Wort und ein zu kleiner Untertitel
Mein erstes Buch war ein Herzensprojekt, und das Cover fand ich wirklich schön. Ein einziges Wort stand groß und fett darauf, das war die Idee und das war der Haken, an dem alles hängen sollte, und worum es tatsächlich ging, das stand ordentlich und vollständig im Untertitel — nur eben viel zu klein. Auf meinem Bildschirm konnte ich ihn mühelos lesen, in der Größe eines Daumennagels war er einfach nicht mehr da.
Ohne diesen Untertitel haben die Leute das große Wort völlig falsch verstanden, und zwar nicht ein bisschen daneben, sondern in eine ganz andere Richtung. Es verkauft sich bis heute kaum, ungefähr eins im Monat, und trotzdem hänge ich daran.
Ich hab es damals nicht gemerkt, weil ich viel zu tief drinsteckte. Ich wusste ja, was gemeint war.
Der Test
Dafür brauchst du keinen Designer und kein Geld, sondern nur einen einzigen Menschen, der dein Cover noch nie gesehen hat — die Nachbarin, die Kollegin, oder, wenn du mutig bist, die Frau hinter dir in der Warteschlange.
So geht’s:
- Mach dein Cover auf dem Handy daumennagelgroß, so wie es in der Amazon-Suche erscheint.
- Zeig es drei Sekunden lang, dann nimm das Handy weg.
- Frag: Worum geht es in diesem Buch? Und dann sei still.
Das Stillsein ist ehrlich gesagt der schwerste Teil, weil dir die Erklärung schon auf der Zunge liegt und du gleich nachhelfen willst mit einem „ja, aber da steht doch …“. Genau das darfst du nicht, denn dem echten Käufer erklärst du später auch nichts.
Und dann hörst du einfach zu, aber nicht darauf, ob dein Gegenüber es schön findet — schön ist an dieser Stelle völlig egal, schön hat noch nie jemanden zum Klicken gebracht —, sondern darauf, ob er in diesen drei Sekunden erfasst hat, worum es geht und für wen es gedacht ist.
Drei Sekunden sind übrigens großzügig, ausgesprochen großzügig sogar, denn der echte Käufer nimmt sich eine, und er ist dabei müde, abgelenkt und hat drei andere Bücher gleichzeitig im Blick. Wenn dein Cover die drei Sekunden nicht übersteht, dann übersteht es die eine erst recht nicht.
Und wenn es schiefgeht?
Dann ist das kein schöner Nachmittag, ich weiß.
Aber schau, du bekommst diese Antwort jetzt gerade bei einem Kaffee, von einem Menschen, der dir auf Nachfrage noch erzählen kann, was er denn stattdessen gesehen hat und wo sein Blick hängen geblieben ist — oder du bekommst sie später, still und ohne Kommentar, als eine Zahl, die einfach nicht steigt, und dann sagt dir kein Mensch mehr, woran es eigentlich gelegen hat.
Und das Ergebnis sagt auch überhaupt nichts über dich aus, sondern nur, dass du dein eigenes Cover nicht mehr sehen kannst, und das war noch nie ein Zeichen von Unfähigkeit, sondern eins von Nähe.
Nicht dein Geschmack zählt, sondern der Markt, und das ist der ganze Unterschied.
Der nächste Schritt
Wenn dein Cover den Test nicht bestanden hat, kommt sofort die nächste Frage — woran lag’s denn nun?
Meistens ist es gar keine große Sache, sondern einer von ein paar immer gleichen Punkten, die mir wieder und wieder begegnen:
- der Titel, der klein zu unlesbarem Grau zerfällt
- der fehlende Kontrast
- das Bild das zu viel auf einmal erzählen will.
Die fünf häufigsten habe ich aufgeschrieben, auf elf Seiten, kostenlos.

Auf Amazon entscheidet eine Sekunde, und es lohnt sich, vorher zu wissen, worüber.
(Und ob dein Buch überhaupt in einem Regal steht, in dem jemand vorbeikommt — ob deine Nische also trägt —, das ist die andere große Frage. Dazu bald mehr.)

